Sitemap   Impressum
Podcaster im Jahr 2020 - Die 'besseren' Influencer?

Podcaster im Jahr 2020 - Die 'besseren' Influencer?.......

[Weiterlesen]
Marktforschung in Zeiten von Corona

Marktforschung in Zeiten von Corona.......

[Weiterlesen]
Influencer: Sie haben doch Einfluss!

Influencer: Sie haben doch Einfluss!.......

[Weiterlesen]
Die bunte Welt der Influencer - ein Generationen-Phänomen?

Die bunte Welt der Influencer - ein Generationen-Phänomen?.......

[Weiterlesen]
Samstägliche 'ARD-Sportschau' ist für Fussball-Fans wichtiger denn je

Samstägliche 'ARD-Sportschau' ist für Fussball-Fans wichtiger denn je.......

[Weiterlesen]
Berufliche Zukunftsperspektiven von Pharmaziestudenten

Berufliche Zukunftsperspektiven von Pharmaziestudenten .......

[Weiterlesen]
Die Höhle der Löwen - die erfolgreichste Dauerwerbesendung Deutschlands

Die Höhle der Löwen - die erfolgreichste Dauerwerbesendung Deutschlands.......

[Weiterlesen]
Ikea stammt aus Schweden und woher Kodak? - Wissen über Markenherkunft

Ikea stammt aus Schweden und woher Kodak? - Wissen über Markenherkunft .......

[Weiterlesen]
Keine Kugel im Kopf?!
Mittwoch, 19. Juli 2000

Das eindrucksvollste Bild innerhalb der Medienwirkungsforschung verwendete die sog. 'Gewehrkugelhypothese'.

Hier wurde davon ausgegangen, dass die Medienbotschaften das Hirn des Zuschauers durchschlagen und ihn in jedem Falle beeinflussen (wenn auch immerhin nicht töten).

Seit einiger Zeit gilt in weiten Teilen der Medienforschung die Annahme eines aktiven Rezipienten von Massenmedien, in Abgrenzung vom früheren Bild des hilflosen Medienopfers, als gegeben.

Zuschauer lassen sich, wie inzwischen viele Studien gezeigt haben, nicht wehrlos vom Fernsehen manipulieren, sondern eignen sich Fernsehtexte aktiv an. Sie verwenden Fernsehtexte als kommunikative Ressourcen, d.h. das Fernsehen stellt Material bereit, das die Zuschauer auf die unterschiedlichsten Arten und Weisen verwenden und auch verfremden können. Wenn Familie Müller sich abends um 20.00 Uhr vor dem Fernsehen versammelt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die "Tagesschau" über die Mattscheibe flimmert. Man könnte nun annehmen, dass Bernd und Ute Müller diese Nachrichtensendung gezielt und als Informa-tionsquelle rezipieren. Und genau das werden sich auch die Macher der Sendung wünschen.

Vielleicht aber entzündet sich zwischen den Müllers unmittelbar nach Beginn der Sendung eine lebhafte Diskussion an der Farbgebung der Krawatte von Jo Brauner. Möglicherweise wird die Krawatte zum Ausgangspunkt eines Streits über die scheußliche Garderobe von Bernd Müller, der mittelfristig zur Scheidung des Ehepaares Müller führt. Es wäre aber wohl übertrieben, dies darauf zurückzuführen, dass Jo Brauners Krawatte die Gehirne der Familie Müller durch-schlagen hat. Möglicherweise werden die beiden die "Tagesschau" aber auch andächtig schweigend verfolgen oder sich nach dem ersten Beitrag in einem Gespräch über die CDU-Parteispendenaffäre wiederfinden.

Die Zuschauer entscheiden weitgehend eigenständig, in welchem Umfang sie sich dem Fernsehen zuwenden, ob sie parallel anderen Aktivitäten nachgehen, welche Bedeutung sie dem Fernsehen zubilligen, etc.

Man kann die Fernsehrezeption auch nicht isoliert betrachten, sondern man muss berücksichtigen, dass die Rezeption und die Aneignung innerhalb eines sozialen Rahmens stattfinden, dass also das Umfeld ebenso Einfluss auf die Rezipienten hat, wie das Medienprodukt.

Wenn das Ehepaar Müller sich um kurz vor acht gestritten hat, verfolgt es die "Tagesschau" vermutlich schweigend. In diesem Fall tun sie das aber nicht aufgrund ihrer Betroffenheit über einen Filmbeitrag. Das Fernsehen wird von Menschen für die verschiedensten Dinge im Alltag verwendet: Als Schweigerechtfertigung, Themen-reservoir, Möglichkeit dem Alltag zu entfliehen, u.v.m.

Die Abkehr vom Bild des manipulierten Medienopfers führte andererseits bei manchen Forschern zu einer unangemessenen Überhöhung des aktiven Rezipienten als völlig autonomen unbeeinflussten Menschen, der ununterbrochen widerständige Lesarten entwickelt, die der totalen Offenheit des Fernsehtextes entspringen.

"Wir alle wissen, dass in den schlechten alten Zeiten Fernsehpublika als passive Konsumenten betrachtet wurden, denen allerlei widerfuhr, wenn das Fernsehen seine geheimnisvollen Kräfte entfaltete und auf sie einwirkte. Glücklicherweise, so geht die Geschichte weiter, wurde dann herausgefunden, dass dies ein falsches Bild war. Denn eigentlich seien die Leute, die vor dem Fernsehen saßen, intensiv mit Aktivitäten aller Art beschäftigt - nämlich damit, dominante kulturelle Formen kritisch oppositionell zu lesen, ideologische Botschaften selektiv/subversiv wahrzunehmen usw." (Morley, 1996)

Die Wahrheit liegt hier - wie so oft - in der Mitte. Zuschauer werden nicht total manipuliert, sind aber auch nicht vollkommen unbeeinflusst von Medienbotschaften. Über-mäßige Vereinfachung zur einen oder anderen Seite sind wenig hilfreich.

Vor allem sollte man versuchen, anhand von sorgfältig erhobenen Daten zu argumentieren, statt sich dem Kulturpessimismus oder der Chimäre des absolut freien Menschen hinzugeben. In maßgeblichen medienwissenschaftlichen Texten der achtziger Jahre wurde z.B. noch behauptet, während des Fernsehens werde von Zuschauern fast gar nicht gesprochen. Anhand von teilnehmender Beobachtung in Haushalten war und ist es bis dato kein Problem, dies zu wiederlegen. Aber die verschiedenen Theorien über Medienwirkungen und Medienrezeption geistern trotz allem weiterhin durch die Welt.

Was Bernd und Ute Müller angeht, so ist es angemessener, sie zu beobachten und zu befragen, statt nur über sie zu reden und sich mit abstrakten Modellen zu befassen.

Autor: Dirk Schulte