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Vermißt, was nun? Zur Psychologischen Funktion von TV-Suchsendungen
Sonntag, 19. April 1998


Seit der Lancierung von Formaten, in denen unprominente Personen, `Menschen wie Du und Ich`, im Mittelpunkt stehen, sind Talk-Shows, Game- sowie Beziehungsshows, Suchsendungen, etc. scheinbar unaufhörlich Gegenstand öffentlicher Diskussion.

Fragen nach den Motiven, die unprominente Menschen zum Fernsehauftritt bewegen und nach den Erfahrungen, die diese durch die Veröffentlichung ihres Schicksals machen, sind bislang auf unterschiedlichsten Arten versucht worden zu beantworten. Dabei dominiert in der öffentlichen Kritik das negative Bild vom Studiogast als `therapiebedürftigem Kranken und kommunikativ Vereinsamtem`.

In einer motiv- sowie wirkungsanalytisch ausgerichteten retrospek-tiven Interviewstudie mit Teilnehmern von Suchsendungen wurde der Frage nachgegangen, welche Motive Angehörige dazu bewegen, die Suche nach ihren Vermißten in das Medium Fernsehen zu verlagern und welche Wirkungen die Suche mit Hilfe einer Suchsendung, die sich selbst als Lebenshilfe für suchende Angehörige versteht, auf die Bewältigung der Vermissungserlebnisse und damit auch auf die Trauerarbeit der Angehörigen haben.

Die Ergebnisse dieser Studie, für die die Methode des problemzen-trierten Interviews gewählt wurde, belegen, daß in monothematisch konzipierten Suchsendungen, die Anfang der Neunziger Jahre in die deutsche Fernsehlandschaft eingeführt wurden, die Veröffentlichung privater Schicksale der spezifischen Funktion der Suche nach Vermißten durch ihre Angehörigen unterstellt ist. Zudem zeigt sich durch die Teilnahme an einer Suchsendung eine massive Einwirkung auf den Bewältigungsprozeß der Suchenden.

Die Mehrheit der Befragten hat bereits vor der öffentlichen Suche via einer Suchsendung umfassende Suchmaßnahmen ergriffen. Da jedoch die polizeiliche Vermißtenmeldung, die meist auf ergebnislose Anfragen bei Freunden und Bekannten folgte, nicht zum Erfolg führte, suchten die Hinterbliebenen mittels Flugblättern bzw. Suchplakaten oder unternahmen Suchreisen, um entweder den Verbleib der gesuchten Person direkt zu klären oder um Hinweise über deren Aufenthaltsort zu erfahren. Aus Ermangelung an Hilfsangeboten von staatlicher Seite sowie auch von anderen öffentlichen Institutionen, wird der Auftritt der Suchenden in einer Suchsendung von den Angehörigen als ein notgedrungenes Sich-Einlassen auf die Veröffentlichung der eigenen Person sowie der persönlichen Geschichte verstanden. Dieses Phänomen fand durch die Ergebnisse des Inventars interpersoneller Probleme (IIP), welches den Interviewten im Anschluß an das Gespräch zur Bearbeitung gereicht wurde, bestätigt. Es zeigt sich hinsichtlich Expressivität bzw. Aufdringlichkeit ein signifikanter Unterschied zwischen Gästen der Affekt-Talks und Beziehungsshows und den Teilnehmern von Suchsendungen.

Nach Fromm, Jochlik & Muckel (1997) legt dieses Ergebnis nahe, daß die befragten Teilnehmer von Suchsendungen die Veröffentlichung ihrer Person und ihres privaten Schicksals weniger bewußt anstreben, als daß sie es `lediglich in Kauf nehmen`. Hingegen zeichnen sich untersuchte Teilnehmer von Affekt-Talks und Beziehungsshows durch die Neigung aus, sich anderen gegenüber zu stark zu öffnen und zu viel Wert auf die Beachtung durch andere zu legen.

Während die Suche mittels einer Suchsendung für ein Drittel der Befragten lediglich eine Alternative zu anderen Suchmöglichkeiten darstellt, wurde diese für zwei Drittel der befragten Angehörigen zur letzten Hoffnung, Gewißheit über den ungeklärten Verbleib des Vermißten zu erlangen. Im Vordergrund stand dabei weniger der Wunsch, den Vermißten zur Rückkehr zu bewegen als vielmehr das Bedürfnis, die persönlich unerträgliche, ungewisse Situation endlich zu klären.
Somit stellt die Hoffnung, Gewißheit über das Schicksal des vermißten Familienangehörigen zu erhalten, das primäre Motiv aller befragten Teilnehmer von Suchsendungen dar. Die Aussage einer Mutter, die seit drei Jahren ihre 25-jährige Tochter sucht, verdeutlicht dieses Phäno-men: Es geht mir darum, zu wissen, wie es ihr geht. Um heraus-zufinden, ob sie überhaupt noch lebt oder ob sie tot ist, daß ich irgendwo auch für mich selber ... na ja ich sage mal, es irgendwo zu Ende bringe.

So werden Suchsendungen aufgrund ihrer großen Breitenwirkung als ultimative Instanz gewertet: Man hatte das Gefühl, alles getan zu haben. Vor diesem Hintergrund wird es verständlich, daß zwei Drittel der Interviewten ihre Suche unmittelbar nach dem öffentlichen Such-aufruf via einer der Sendereihen eingestellt haben. Denn obwohl nur drei Angehörige die von ihnen gesuchte Person mit Hilfe einer Such-sendung wiederfinden konnten, unternahmen acht Angehörige trotz erfolgloser Suche keine weiteren Suchaktionen. Ein resignierter Vater erklärte: Also, wenn das nichts hilft, dann hilft uns auch keiner mehr.

Vor dem Hintergrund dieser Studie liegt es nahe, Suchsendungen innerhalb des Genre `Affektfernsehen` eine Sonderstellung hinsichtlich der Beweggründe von Menschen, die ihre Suche nach dem Vermißten mittels TV-Suchsendungen publizieren, einzuräumen. Für die Hinter-bliebenen stellt die primär einheitlich motivierte Suche via Suchsen-dungen ein notgedrungenes Sich-Einlassen auf die Veröffentlichung dar und kann nicht mit der meist heterogen motivierten Veröffentlichung persönlicher und intimer Inhalte in Talk- oder Beziehungsshows verglichen werden. Auch wenn sich un-zählige Formate - die Liste wäre zu lang, um sie alle namentlich zu nennen - als Lebenshilfe verstehen, so muß vor dem Hintergrund dieser Studie Suchsendungen insofern eine psychohygienische Funktion zugestanden werden, als daß die betroffenen Hinterbliebenen zwar durch die Teilnahme an einer der beiden Suchsendungen - gleichgültig ob erfolgreich oder nicht -- keinen Abschluß ihrer Trauerarbeit finden, dennoch ihnen den Weg in die für den Trauerprozeß notwendige Reorientierung und unabdingbaren Identitätswechsel geebnet wird.

Aufgrund dieser psychologischen Funktion von Suchsendungen und dem offensichtlich sonst mangelnden sozialen Supportsystem im Hinblick auf die Suchangebote für Angehörige von Vermißten stellen Suchsendungen ein öffentliches Forum von zentraler Bedeutung dar, das den Betroffenen aus Gründen der mangelnden Einschaltquoten oder umliegenden Werbewirksamkeit in jüngster Vergangenheit genommen wurde.